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"Christenverfolgung heute" von Erzbischof Dr. Erwin Josef Ender

ANSPRACHE DES APOSTOLISCHEN NUNTIUS, ERZBISCHOF DR. ERWIN JOSEF ENDER, AUF DEM FORUM „CHRISTENVERFOLGUNG HEUTE“ DER ARBEITSGRUPPE MENSCHENRECHTE UND HUMANITÄRE HILFE DER CDU/CSU FRAKTION IM DEUTSCHEN BUNDESTAG (Berlin / Parlament, den 16. Oktober 2006)
ANSPRACHE DES APOSTOLISCHEN NUNTIUS, ERZBISCHOF DR. ERWIN JOSEF ENDER, AUF DEM FORUM „CHRISTENVERFOLGUNG HEUTE“ DER ARBEITSGRUPPE MENSCHENRECHTE UND HUMANITÄRE HILFE DER CDU/CSU FRAKTION IM DEUTSCHEN BUNDESTAG (Berlin / Parlament, den 16. Oktober 2006)




Sehr geehrte Frau Vorsitzende, sehr geehrte Damen und Herren,

aufrichtig danke ich Ihnen für die freundliche Einladung, in Ihrer Arbeitsgruppe „Menschenrechte und humanitäre Hilfe“ der CDU/CSU Fraktion im Deutschen Bundestag auf diesem Forum zum Thema „Christenverfolgung heute“ zu Ihnen zu sprechen.

 

 

 

1. Mancher Zeitgenosse wird sich vielleicht fragen: „Verfolgung von Christen“ - ist das in der gegenwärtigen Zeit überhaupt ein so gewichtiges und drängendes Problem, dass die größte Fraktion im Deutschen Bundestag ihm einen eigenen Gesprächskreis widmen sollte? Mit dem Wort „Christenverfolgung“ verbinden sich bei vielen eher Erinnerungen an die Ge-schichte: an die Steinigung des Stephanus zum Beispiel, über die die Apostelgeschichte berichtet; an die Verfolgungen unter römischen Kaisern, bevor das Christentum zur offiziell anerkannten Religion des Imperiums wurde; dann aber auch an das 20. Jahrhundert, in dem eine große Zahl von Christen unter Nationalsozialisten und Kommunisten Unrecht und nicht selten sogar den Tod erdulden musste. Aber heute, nach dem Zusammenbruch der totalitären Systeme - sieht die Situation mittlerweile nicht wesentlich anders aus?

Der Journalist Jan Ross von der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat vor einiger Zeit eine Antwort auf diese Frage versucht und dabei festgestellt, dass es in unserem westlichen Kulturkreis eine eigentümlich verzerrte Wahrnehmung gibt. „Das Christentum“, so schreibt Ross, „ist die meistverfolgte Religion auf der Welt; wofür sich freilich bei uns kaum einer interessiert, weil es dem abendländischen Selbsthassklischee widerspricht!“ Das ist ein außerordentlich hartes Urteil, und man mag es für überzogen halten. Aber dieses Wort beleuchtet doch eine gewisse Tendenz in unserer heutigen Gesellschaft: die Neigung, angesichts der eigenen Schuldgeschichte des Christentums und christlich geprägter Staaten, angesichts der Intoleranz und Unterdrückung, der sich Christen selbst schuldig gemacht haben, die heutigen christlichen Opfer von Hass und Gewalt auszublenden. Blickt man auf die Fakten, so kommt man jedenfalls um die Feststellung nicht herum, dass es an vielen Orten auch heute noch gefährlich ist und mit einem hohen Preis verbunden sein kann, sich zum Christentum zu bekennen und als Christ zu leben.

2. Zunächst einmal gibt es nach wie vor eine Reihe spätkommunistischer Staaten, in denen der christliche Glaube (wie auch andere Religionen) als Form eines falschen oder überholten Bewusstseins angesehen wird und als Hindernis für eine wirkliche Befreiung der Menschen gilt. Gläubige werden dort gesellschaftlich diskriminiert, oft in ihren bürgerlichen Rechten beschnitten, manchmal sogar offen verfolgt. Die Kirche, die sich dem totalitären Staats- und Gesellschaftsverständnis widersetzt, wird in ihrer Freiheit so weit wie möglich eingeschränkt. Die Zeit systematischer Behinderung und manchmal auch der Verfolgung der Kirche durch militant-atheistische Systeme ist auch nach dem Ende des Sowjetblocks keines-wegs vorüber; man denke nur an die bedrückende Situation in China, Nordkorea oder Vietnam.

In diesem Zusammenhang möchte ich der Vorsitzenden der CDU, Frau Bundeskanzle-rin Dr. Merkel, ein aufrichtiges Wort des Dankes sagen. Ihr Gespräch mit dem Bischof von Shanghai während ihres ersten Staatsbesuchs in der Volksrepublik China ist von vielen Christen als Zeichen der Solidarität verstanden worden. Der heute neunzigjährige Bischof Dr. Aloysius Jin Luxian SJ gilt vielen chinesischen Katholiken als lebendes Zeugnis des Kampfes der Kirche für Religionsfreiheit in China. 27 Jahre seines Lebens hat er in Gefängnissen verbracht. Der Besuch von Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel bei Bischof Jin und die Besichti-gung der neu restaurierten Ignatius-Kathedrale von Shanghai, die in der Kulturrevolution schwer zerstört worden war, waren nicht nur eine Anerkennung des Lebenswerkes eines ein-zelnen Priesters und Bischofs, sondern auch ein deutliches Zeichen dafür, dass das Ausland um die Bedrängnis der Christen in China weiß.

Auch in Vietnam leben die Christen noch in einer sehr schwierigen Situation. Nach schlimmsten Exzessen der Christenverfolgung im 19. Jahrhundert brachen mit der französi-schen Herrschaft in den Jahren 1887 bis 1954 für die Katholiken zunächst bessere Zeiten an. Von den Franzosen gefördert, galten sie dann aber bei der 1930 von Ho Chi Minh gegründeten revolutionären Bewegung als größter Verbündeter der Kolonialmacht. Nach der schweren Niederlage der Franzosen in der Schlacht von Dien Bien Phu 1954 und der Teilung Vietnams in einen kommunistischen Norden und einen nationalvietnamesischen Süden flohen etwa achthunderttausend Katholiken in den Süden, oft ganze Gemeinden mit ihren Priestern. Im Norden wurde die Kirche nun aus allen Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen gedrängt und weitgehend enteignet. Nur in wenigen Kirchen war zu festen Zei-ten noch ein Gottesdienst möglich. Mit Ende des Vietnamkriegs in den 70er Jahren und der Besetzung des Südens durch die kommunistischen Truppen wurde diese Politik schließlich auf ganz Vietnam ausgeweitet.

Der Staat unterdrückte jede Regung kirchlichen Lebens. Als 1988 der Papst 117 vietnamesische Märtyrer heilig sprach, waren in Vietnam alle Feierlichkeiten verboten. Dennoch scheiterten bis heute alle Versuche, die Katholiken - ähnlich wie in China - durch die Gründung „patriotischer“ Vereinigungen kompromissbereiter Gläubiger zu spalten. Der Journalist Peter Scholl-Latour, engagierter Beobachter Vietnams über Jahrzehnte, zeigte sich von der Widerstandskraft der Katholiken in dieser drangvollen Periode tief beeindruckt und sprach vom „strahlenden Heer der Märtyrer“.

Seit Ende der 80er Jahre zeichnete sich jedoch ein Kurswechsel der staatlichen Religionspolitik ab. Zur Überraschung vieler zeigte sich jetzt, dass die katholische Gemeinschaft Vietnams in den langen Jahren der Verfolgung keineswegs kleiner und kraftloser geworden war. Zur Zweihundertjahrfeier der Marien-Erscheinungen von La Vang 1998 strömten trotz staatlicher Behinderung etwa 100.000 Gläubige zusammen. Viele Beobachter sahen allein darin schon eine Entspannung in der Religionspolitik des Landes. Dass die Regierung jetzt eine offene brutale Verfolgung der Kirche vermeidet, schon um kein Aufsehen bei den Handelspartnern zu erregen, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich alle Religionsgemeinschaften Vietnams nach wie vor im Würgegriff des Staates befinden, der bemüht ist, eine offene Ausbreitung religiösen Lebens zu begrenzen. Wirklich „frei“ ist nur der Besuch eines bestimmten Gottesdienstes in einer bestimmten Gemeinde - und auch das nur in Großstädten, die unter ausländischer Beobachtung stehen. Aber auch dort muss ein Priester den Text jeder Predigt zur Zensur vorlegen. Ebenso brauchen hier alle kirchlichen Aktivitäten, die über einen zugelassenen Sonntagsgottesdienst hinausgehen, eine Genehmigung durch örtliche Behörden. In den Provinzen, vor allem in den Bergregionen im Zentralen Hochland und im Nordwesten des Landes, wird dagegen weiterhin versucht, jedes kirchliche Leben zu unterdrücken. Besonders rigoros gehen die Behörden gegen ethnische Minderheiten wie die H'Mong vor, von denen in den letzten Jahren viele zum protestantischen oder katholischen Christentum gefun-den haben.

Solange sich Priester und Gläubige im eng gesteckten Rahmen staatlicher Erlaubnisse bewegen, bleiben sie in der Regel unbehelligt. Wer damit aber nicht zufrieden ist und vom Staat echte Religionsfreiheit einfordert, wird nach wie vor verfolgt. Unklare Strafbestimmungen bieten jederzeit die erforderliche Handhabe zur Kriminalisierung friedlichen religiösen Lebens. Der versteckte Terror gegen Einzelne oder ganze Gemeinden durch ständige Hausdurchsuchungen und Verhöre, Zwangsumsiedlungen oder Hausarrest erstreckt sich oft über Jahre. [Siehe auch Anhang a)].

Die vietnamesischen Protestanten und die übrigen Religionsgemeinschaften des Landes, vor allem Buddhisten, Hoa-Hao-Buddhisten und Anhänger der synkretistischen Cao-Dai-Religion, unterliegen ähnlichen Beschränkungen wie die Katholiken. Bei ihnen kommt erschwerend hinzu, dass es dem Staat gelungen ist, jeweils Parallelkirchen zu installieren. Nur wer bereit ist, in diesen ganz unter staatlichem Einfluss stehenden Gemeinschaften mitzuwirken, kann ein Minimum an religiöser Freiheit erwarten.

3. Angewachsen ist in den letzten Jahren die Bedrohung von Kirchen und Christen auch in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich vor allem ein erstarkender religiö-ser Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalisten haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, so dass Christen oftmals durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern zweiter Klasse herabgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden. So spitzte sich während der Herrschaft des Taliban-Regimes in Afghanistan die Lage der vereinzelt im Land lebenden Christen dramatisch zu, aber auch Hindus wurden in ihrer Religionsfreiheit beeinträchtigt. Der Ihnen bekannte Fall Rahman - eines in Europa zum Christentum konver-tierten Mannes, der nach seiner Rückkehr in die afghanische Heimat zunächst zum Tode verurteilt und dann auf internationalen Druck hin außer Landes geschafft wurde - zeigt, wie stark eine fundamentalistische Deutung des Islam auch im neuen Afghanistan noch wirksam ist.

Auch im Sudan oder im Iran droht gemäß den Strafgesetzbüchern, die auf der Sharia basieren, Muslimen, die zum Christentum konvertieren, die Todesstrafe. Nichtmuslimischen Gemeinden wird die Ausübung ihrer Religion schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht. In Saudi-Arabien existiert überhaupt keine Religionsfreiheit. Die sunnitisch-wahabitische Ausprägung des Islam ist Staatsreligion, andere Religionen dürfen öffentlich nicht praktiziert werden. Die Konversion zu einer anderen Religion ist mit der Todesstrafe bedroht.

Auch in Nigeria, wo bei einer geschätzten Bevölkerung von über 120 Millionen ein Anteil von jeweils 45% auf Christentum und Islam entfällt, kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen der islamischen Bevölkerung aus dem Norden und christlichen Volksgruppen im Süden. Seit den frühen 1980er Jahren erleben die Nigerianer fast jährlich religiös bedingte oder jedenfalls mitbedingte Unruhen, denen schon viele Christen zum Opfer gefallen sind. Die schwersten Unruhen der letzten Jahre ereigneten sich im Jahr 2000 in Kaduna, dem politischen Zentrum in Nord-Nigeria. Die Gewaltausbrüche hielten fast eine Woche an, und Berichten zufolge wurden über 1000 aus dem Bundesstaat Kaduna stammende Menschen, mehrheitlich Christen aus dem Süden, getötet. Vor allem im Norden Nigerias verlieren Christen durch die immer wieder aufflackernde Gewalt Leben und Besitz. [Siehe auch Anhang b)].

Das unbeständige Verhältnis zwischen den Religionen wird durch die nicht verfassungskonforme Einführung des Sharia-Rechts in einigen Bundesstaaten weiter kompliziert. Mit der Sharia wird die Verfolgung von Nichtmuslimen praktisch legalisiert. Für Christen ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, in einem Bundesstaat, in dem die Sharia in Kraft ist, die Genehmigung für den Bau einer Kirche zu erhalten. Auch nichtmuslimische Gewerbetreibende werden durch die Sharia benachteiligt. Diskriminierende Gesetze gab es im Norden Nigerias schon seit der Kolonialzeit.

Die Armut hat einen großen Anteil an der Popularität der Sharia. Gerade junge Menschen sehen in der Sharia die Antwort auf Korruption, Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit. Nach der mehr als 28 Jahre währenden Militärdiktatur griffen die Politiker des Nordens zur Religion als zusätzlichem Druckmittel, um das von Armut gebeutelte Volk unter sicherer Kontrolle zu halten. Die religiösen Auseinandersetzungen sind vielfach in einen breiteren Konfliktzusammenhang eingebunden, der soziale, kulturelle und ethnische Wurzeln hat. Das religiöse Bekenntnis wird oftmals als Ausdruck der ethnisch-kulturellen Andersartigkeit einer Minderheit wahrgenommen und zieht so Aggressionen aus der Mehrheitsgesellschaft auf sich. Vor allem gilt dies, wenn die Mehrheit ihre sozialen Belange durch die Minorität gefährdet sieht oder deren Glauben als Hindernis für die weltanschauliche Einigung der Gesellschaft betrachtet. Ein solches Muster lässt sich gerade auch in Nigeria nachweisen. So haben in den zentralen und nördlichen Landesteilen die Angehörigen der Stämme mit muslimischer Religionszugehörigkeit seit Jahrhunderten eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung inne. Andersgläubige wurden und werden dort als „Fremde“ betrachtet, denen der Landerwerb und der Bau von Kirchen und Schulen massiv erschwert werden. Diese für Christen ohnehin kritische Lage verschärfte sich dann noch weiter durch die Einführung der Sharia in verschiedenen Bundesstaaten Nigerias. Obwohl das Aufbegehren der christlichen Bevölkerungsteile gegen die Islamisierung des Staates zunächst friedlichen Charakter hatte, kam es zu Übergriffen muslimischer Extremisten und dann zu einer Spirale der Gewalt. Tote und schwere Verwüstungen von kirchlichen Einrichtungen sind immer wieder die Folge.

4. Bei einer Bestandsaufnahme über die Diskriminierung und Verfolgung von Christen in unserer Zeit, bei der hier verständlicherweise nur auf einige eklatante Fälle hingewiesen werden kann, dürfen jedoch auch jene Länder nicht übersehen werden, in denen das religiöse Bekenntnis zwar grundsätzlich geachtet wird, Christen jedoch, die sich mutig für die Menschenrechte einsetzen und mit der „Option für die Armen“ Ernst machen, an Leib und Leben bedroht werden. Manchmal geht diese Gewalt von Regierungen aus, öfter aber von privaten Gruppen, die den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Diese Art von Christen- und Kirchenverfolgung ist vor allem aus Lateinamerika bekannt, wo die Kirche sich in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils konsequent aus den Verstrickungen mit der Macht gelöst hat und dafür unter Bischöfen und Priestern, genauso aber auch unter engagierten Laien einen hohen Blutzoll entrichten musste. Um nur ein aktuelles Beispiel herauszugreifen: In Kolumbien stehen Kirche und Gläubige wegen des Bemühens um Frieden unter dem Druck sowohl der rechten Paramilitärs als auch der linken Guerilla und der Drogenkartelle. Die Ermordung von Erzbischof Isaías Duarte Cancino von Cali am 16. März 2002 und die Entführung des früheren Vorsitzenden der kontinentalen Bischofskonferenz CELAM Bischof Jorge Jimenez im No-vember desselben Jahres belegen den Ernst der Lage und zeigen, was es mancherorts kosten kann, als Christ zu leben. Noch kurz vor seiner Ermordung hatte Erzbischof Duarte, der sich seit Jahren mutig für Frieden und Menschenrechte einsetzte, mit Blick auf die anstehenden Parlamentswahlen öffentlich erklärt, dass einige Kandidaten ihren Wahlkampf mit Hilfe der Drogen-Mafia finanziert hätten. Seine Ermordung wurde bis heute nicht aufgeklärt. Allein in Kolumbien sind seit 1983 rund fünfzig Bischöfe, Priester und Missionare ermordet worden.

Es ist der Einsatz für die Unterdrückten, für Wahrheit, Gerechtigkeit und christliche Werte, der in vielen Ländern Lateinamerikas zum Martyrium führen kann. Zahlreiche Christen treten friedlich für eine Veränderung der gesellschaftlichen und sozialen Situation ein, gegen Korruption, ungerechte Landverteilung und die Ausbeutung der Armen und für die Beachtung der Menschenrechte. Damit sind sie in den Augen vieler Mächtiger in Militär, Politik und Wirtschaft nichts anderes als Kommunisten und Guerilleros, die es zu bekämpfen gilt.

Jüngstes weltweit bekannt gewordenes Opfer dieser Gewalt ist die 73-jährige Ordenschwester Dorothy Stang, die in Brasilien wegen ihres Einsatzes für die Rechte der Landlosen und Ureinwohner im Februar 2005 ermordet worden ist. Nach dieser Tat legte die Katholische Kirche Brasiliens eine Liste von 160 Personen vor, die ebenfalls Morddrohungen erhalten haben. Auf Druck der brasilianischen Menschenrechtsbewegung und des nationalen Anwaltsverbandes erhielt der Rechtsanwalt und Dominikaner Henri de Roziers daraufhin Polizeischutz. Der 74-jährige arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der kirchlichen Landpastoral des Amazonas-Staates Para, in dem auch Schwester Dorothy tätig war, und erhielt ebenso wie die ermordete Ordensschwester immer wieder Morddrohungen. Der erwähnten Todesliste zufolge beträgt das Kopfgeld für Pater Roziers rund 30.000 EURO.

Fast unvermeidlich ist hier die Erinnerung an Erzbischof Oscar Romero aus El Salvador, der vor 25 Jahren erschossen wurde, weil er zum Anwalt der Armen und Schwachen in seinem Land geworden war und Gerechtigkeit forderte. Auch dieser Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

An den Fällen Kolumbien und Brasilien ist eine Tendenz ablesbar, die sich nach dem Niedergang des Kommunismus und dem Ende der bipolaren Welt massiv verstärkt hat: die Entstaatlichung von Gewalt. An vielen Orten der Welt kann von einem Gewaltmonopol der staatlichen Autoritäten keine Rede mehr sein. Warlords, Banditen und weltanschaulich oder religiös motivierte Gruppen bestimmen nach eigenem Gutdünken über das Wohl und Wehe der Menschen. Auch der internationale Terrorismus gehört in diesen Zusammenhang. Die regional und teilweise sogar weltweit operierenden terroristischen Netzwerke sind der vielleicht dramatischste Ausdruck einer Privatisierung von Gewalt. Diese neuere Entwicklung hat auch starke Bedeutung für die Situation der Christen in manchen Weltregionen. War das 20. Jahrhundert bis zum Fall des Eisernen Vorhangs ein Zeitalter, in dem Repression gegen die Gläubigen von Seiten totalitärer Staaten verübt wurde, so geht die Gefährdung mittlerweile vielfach von frei flottierenden, keiner staatlichen Einflussnahme ausgesetzten Gruppen aus. Die immer wieder, jüngst im März 2006, in Indien verübten Mordanschläge auf die Besucher christlicher Kirchen sind hierfür ein ebenso markanter wie grausamer Beleg.

Hier wird aber noch eine andere Tendenz deutlich. Vor allem in muslimisch geprägten Gesellschaften werden Christen in zunehmendem Maße als Angehörige oder Unterstützer einer als aggressiv und imperialistisch empfundenen westlichen Welt verstanden. Der Hass gegen den Westen - vor allem gegen die Politik der USA - entlädt sich dann mitunter in Gewalttaten gegen christliche Minderheiten. Die kirchlicherseits immer wieder geäußerten Befürchtungen, dass der Krieg im Irak und in Afghanistan zu einer neuerlichen und verschärften Gefährdung von Christen in muslimischen Staaten führen würde, hat sich leider als berechtigt erwiesen. Ob und inwiefern sich auch der Konflikt im Südlibanon negativ auf die christlichen Minderheiten andernorts auswirken wird, muss sich noch zeigen.

5. Bedenkt man all diese Entwicklungen, so wird offenkundig, wie wichtig und begrüßenswert die Initiative ist, die die CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit ihrem Forum „Christenverfolgung heute“ ergriffen hat. Die Verantwortlichen verdienen Dank und Lob dafür, dass sie das Augenmerk der deutschen Gesellschaft auf die Lage bedrängter und verfolgter Chris-ten lenken. Es gibt sie in nicht geringer Zahl, und sie verdienen unser aller Solidarität - dies sollte am heutigen Tag und auch in meinem Vortrag deutlich geworden sein.

Wenn wir heute besonders die Christen in den Blick nehmen, so bedeutet das keine mindere Wertschätzung und Achtung für diejenigen, die als Angehörige einer anderen Religion diskriminiert oder verfolgt werden. Alle Menschen haben überall auf der Welt den gleichen Anspruch auf freie Ausübung ihrer Religion. Die Katholische Kirche bekennt sich ausdrücklich zu diesem Recht, das die letzten Päpste - von Papst Johannes XXIII. an - stets als die Mitte und Grundlage aller menschlichen Freiheitsrechte bezeichnet haben und dem das Zweite Vatikanische Konzil eine eigene wegweisende Erklärung („Dignitatis humanae“) gewidmet hat. Deshalb fühlt sich die Kirche nicht nur den Christen nahe, denen die Freiheit ihres Glaubens verwehrt wird, sondern sie ist solidarisch mit allen, die ihrer Religion wegen Unterdrückung erfahren. Auch für Papst Benedikt XVI. ist dies ein besonderes Anliegen, das er gleich zu Beginn seines Pontifikats, bei einer Ansprache während des Weltjugendtages in Köln, zum Ausdruck gebracht hat: „Die Verteidigung der Religionsfreiheit ist (…) ein ständiger Imperativ und die Achtung der Minderheiten ein unanfechtbares Zeichen wahrer Zivilisa-tion.“

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit!

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A N H A N G

a) Einige weitere Fakten zur Situation der Christen in Vietnam:

- Nur sechs Priesterseminare sind erlaubt. Aus jedem Bistum werden höchstens zehn Kandidaten alle zwei Jahre als Priesteramtskandidaten zugelassen, obwohl es nach internen Angaben eine zehnmal höhere Zahl von Bewerbern gibt.

- Jeder Priesteramtskandidat wird mehrmals auf seine „Staatstreue“ überprüft: vor Eintritt ins Seminar, während des Studiums und vor der ebenfalls genehmigungspflichtigen Priesterweihe. Hat ein Kandidat alle diese Prüfungen durchlaufen, bedarf es einer weiteren Genehmigung, damit er als Pfarrer in eine bestimmte Pfarrei berufen werden kann.

- Viele amtierende Bischöfe sind inzwischen sehr alt, da auch die Ernennung von Bischöfen vom Staat befürwortet werden muss und viele vom Vatikan vorgeschlagene Persönlichkeiten abgelehnt werden. So blieben manche Bistümer jahrzehntelang verwaist.-

- Jede kirchliche Versammlung, jede Reise von Bischöfen, jeder Bau und jede Renovierung von Kirchen brauchen Genehmigungen, die oft jahrelang verweigert werden.

- Nur wenige religiöse Bücher dürfen, nach strenger Zensur, in einer bestimmten, dafür vorgesehenen Druckerei hergestellt werden.

Der Genehmigungspflicht unterliegen erst recht alle sozialen Aktivitäten der Kirche. Immerhin haben die großen sozialen Probleme des Landes dazu beigetragen, dass der Kirche, vor allem im Süden, die Linderung menschlicher Not in immer größerem Umfang erlaubt wird. Abhängig vom guten Willen der jeweiligen örtlichen Behörden und Blockwarte kann die Kirche Kindergärten, Grundschulen oder Häuser für Straßenkinder betreiben und Kinderspeisungen durchführen. Vinzentinerinnen konnten in der Nähe Saigons ein Zentrum für AIDS-Patienten eröffnen. „Früher haben die uns gemieden wie der Teufel das Weihwasser“, berichtete in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Saigoner Priester, bei dem sieben Distriktssekretäre der Kommunistischen Partei angeklopft hatten, um ihm ihre Sorge über das Rauschgiftproblem mitzuteilen, von dem gerade die Söhne und Töchter der kommunistischen Nomenklatura betroffen sind. In allen Fällen kann die Erlaubnis zum Betrieb einer sozialen Einrichtung aber jederzeit willkürlich entzogen werden und der Staat achtet sorgfältig darauf, dass die Bevölkerung ihn selbst und nicht die Kirche für den Initiator der Hilfe hält.

b) Einige weitere Fakten zur Situation der Christen in Nigeria:

Der 1924 von Bischof Joseph Shanahan gegründete Orden der Rosenkranzschwestern besaß in Kaduna eine blühende Ausbildungsstätte. Das Gebäude wurde während der Unruhen im Jahr 2000 dem Erdboden gleichgemacht. Die Schwestern hatten Glück und kamen mit dem Leben davon. Sie haben sich nun in Kamerun niedergelassen. Das Justitia-et-Pax-Büro der Diözese Kaduna wurde 2001 völlig zerstört. Jeder Christ in Kaduna kann eine ähnliche Geschichte aus seinem direkten Umfeld erzählen. Aber viele Vorfälle werden der Weltöffentlichkeit kaum oder nie bekannt.

Die blutigen Streitigkeiten um den Austragungsort des Miss-World-Wettbewerbs im Jahr 2003 hatten die internationale Aufmerksamkeit für kurze Zeit auf Nigeria gelenkt. Als dann im Februar 2006, in Folge der Proteste gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen, mit roher Gewalt gegen Christen in der Provinzhauptstadt Maiduguri vorgegangen wurde und damit die ethnisch-religiösen Konflikte zum ersten Mal auch auf diesen bislang ruhigen Teil des Landes übergriffen, wurde dies kaum mehr wahrgenommen, obwohl 16 Menschen starben und 11 Kirchen und kirchliche Einrichtungen zerstört wurden.