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Fleisch schwindet immer mehr aus Mahlzeiten vietnamesischer Arbeitnehmer

Vor 5 Monaten verließ Tran Lan Thuong ihre Familie auf dem Lande, um einen Job für 50-Dollar im Monat in einer chinesischen Motorrad-Fabrik am Randgebiet von Hanoi anzutreten. Ihr Ziel war, genug Geld für die Weiterbildung zur Buchhalterin zu sparen.
Vor 5 Monaten verließ Tran Lan Thuong ihre Familie auf dem Lande, um einen Job für 50-Dollar im Monat in einer chinesischen Motorrad-Fabrik am Randgebiet von Hanoi anzutreten. Ihr Ziel war, genug Geld für die Weiterbildung zur Buchhalterin zu sparen.
Aber wegen der Teuerung der Lebensmittelkosten kann sie sich mit dem spärlichen Lohn heute nur knapp übers Wasser halten. Anstatt den Eltern Geld zu schicken, nimmt sie sich nach jedem Familienbesuch, den sie alle 2 Wochen abstattet, Reis, Eier und getrockneten Fisch aus dem Bauernhof ihrer Eltern mit. Sie kocht sich nur noch selten Fleisch, was heutzutage als Luxus gilt, selbst nach der Lohnerhöhung von 6.25 Dollar – was 1½ kg Schweinefleisch entspricht.

“Ich bin sehr enttäuscht, weil ich mir kein Geld sparen kann”, sagte sie in einem schweren Gang durch das 25 Dollar Mietzimmer, dessen Kosten sie mit einer Kollegin teilt.

Die Misere von Frau Thuong spiegelt die besorgniserregende Situation der Arbeiter in Zeiten der wirtschaftlichen Turbulenzen in dem Land mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum Asiens wider.
Während die Wirtschaft des vergangenen Jahrs um 8.4 Prozent betrug, ist die Inflation im März fast 20% zur gleichen Zeit des Vorjahrs gestiegen. Die Arbeitnehmer sind deshalb unruhig geworden. Forderungen nach Lohnerhöhung nehmen stark zu, um die gestiegenen Lebensunterhaltungskosten auszugleichen. Das Handelsdefizit des Landes weitert sich allein im ersten Quartal 2008 auf 7.3 Milliarden US-Dollar im Vergleich zu 12,4 Milliarden US-Dollar vom gesamten Jahr 2007 aus.

Es besteht die dringende Notwendigkeit, die Inflation zu bekämpfen. Die kommunistische Regierung hat das Wirtschaftswachstumsziel für 2008 von ursprünglich 8,5 – 9 % jetzt nach unten korrigiert. Vo Hong Phuc, Minister für Planung und Investition, hat dieses Ziel in der jüngsten Sitzung auf  7% berichtigt.

Die Regierung von Vietnam hat auch angekündigt, dass sie die Geldpolitik straffen will, um die ineffiziente Staatsinvestition unter Kontrolle zu halten und um flexiblere Stabilität zu erhöhen. Die Regierung teilte auch mit, dass sie die Ausfuhrsteuern für Rohöl, Kohle und Erze erhöhen werde, um ihre Haushaltsdefizite zu reduzieren.

Schon kommt Zweifel über die Fähigkeit des politikmachenden Apparats von Vietnam wegen seiner Bürokratie hoch, die gewackelte Wirtschaft zu stabilisieren. Erinnerungen an die verheerenden Hyper-Inflationen in den späten 80er und frühen 90er Jahren werden wieder wach.

“Vietnam ist am Scheideweg” sagte der Wirtschaftsexperte Le Danh Doanh. “Entweder kannst du die Makroökonomie stabilisieren und ein hohes Wirtschaftswachstum erreichen oder du steigst tief in die Inflation. Es ist jetzt noch zu früh zu sagen.”

Mit der Aufnahme in die WTO in Januar 2007 wurde Vietnam als nächster Wirtschaftstiger in Asien prognostiziert. Die Bevölkerung gilt als jung, fleißig und das Regime will den “Kampf um den Markplatz” gewinnen, um der 85 Mio. Bevölkerung den Wohlstand näher zu bringen. Aber die Regierung war schlecht vorbereitet, das ausländische Kapital zu verwalten. Es wird geschätrzt, dass bis zu 15 Milliarden US-Dollar durch Direktinvestition, Aktieninvestition und Geldsendung von Auslandsvietnamesen im vergangenen Jahr nach Vietnam geflossen sind.

“Neben langfristigen Investoren hat es eine allgemeinene Euphorie über Vietnam geherrscht, welche nicht nur ausländische Investoren, sondern auch Einheimische und ethnische Vietnamesen beeinflusst hat”, sagte Ben Bingham, IMF-Vetreter in Hanoi. “Was sich in diesem ziemlich brutalen Trend herausgestellt hat, waren Einschränkungen der institutionellen Reform, die schon seit 6 Jahren andauert.”

Völlig überflutet in Liquidität und gefüllt mit 50% Kreditwachstum im 2007 hatten lokalkommerzielle Banken, darunter auch viele kleine Privatbanken, begonnen, in einer aggressiven Art und Weise Kredite zu geben. Locker geregelte Staatunternehmen waren daher sogar in Aktienfonds, Immobilienmärkte und sonstige Nichtkerngeschäfte gestiegen.

Die wachstumorientierte Regierung hat aber nur wenig dagegen getan, um die Sache abzukühlen. Sogar Lokalverbraucher und Geschäfte sind trotz der langjährigen Politik einer abgewerteten Währung gegenüber dem US-Dollar zur Unterstützung des Exportwettbewerbs den hohen Rohstoffpreisen ausgesetzt.   

Die Staatsbank hat dieses Jahr, um die Inflation zu zügeln, versucht, die Liquidität des Geldes zu drosseln, was Wirtschaftsexperten als “Guerilla-Taktik” bezeichnet haben. Und gerade dieser Versuch hat Turbulenzen im Bankensystem und in den Anlagenmärkten ausgelöst.

Hanoi will die Wirtschaft vorrangig stabilisieren und ist deshalb bereit, weniger Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen. In einer dramatischen Erklärung diesen Monats hat  Ministerpräsident Nguyen Tan Dung gewarnt: “Wenn wir dies nicht bald unter Kontrolle bekommen, wird es negative Einflüsse auf die Produktion, Lebensunterhalt der Bevölkerung, makroökonomische Stabilität, lang- und mittelfristiges Wirtschaftswachstum geben.”

Aber die größte Herausforderung, sagen Experten, dürfte für Hanoi sein, vor allem die Akteure der mächtigen Staatsunternehmen dazu zu bewegen, sich dem neuen Kurs der Sparpolitik anzupassen. Vor allem Bürokraten würden sich aufgrund der potentialen und lukrativen Gewinne nicht so leicht von ihren Investitionen abrücken wollen.

“Die Maßnahmen sind OK, aber die Frage ist, wie können sie effizient durchgeführt werden? Niemand will die Verantwortung übernehmen. Man will die Last nur auf andere Menschen schieben”, äußert Herr Doanh sich zu dem Plan des Ministerpräsidenten.

Herr Bingham von der IMF sagte: “Würde man die neue Politikrichtung in die Tat umsetzten und damit den Kampf mit einigen der betroffenen Beteiligten aufnehmen wollen?” 

Amy Kazmin – Financial Times


Quelle: www.ft.com