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Propaganda-Kinder: Leben bei den Erben Ho Chi Minhs

schueler.jpgWo fange ich an? Auf irgendeiner Straße hier in Ho-Chi-Minh-Stadt stürmt so viel auf einmal auf dich ein.
Wo fange ich an? Auf irgendeiner Straße hier in Ho-Chi-Minh-Stadt stürmt so viel auf einmal auf dich ein.

Du gehst in Deckung vor diesem Angriff: Hupen attackieren deine letzten Nerven, Motorräder stottern und brummen, und alle diese 10 Millionen Saigoner bewegen sich, sitzen herum, rauchen, spucken, kaufen, verkaufen.

Ein Schwarm Kinder stürzt aus der Schule, ohne auf das ununterbrochenen Verkehrsgewühl zu achten. Das rote Halstuch, Symbol des Gehorsams dem Staat gegenüber, das vorher noch pflichtbewusst um den Hals geknotet war, wird nun benutzt, um damit spielerisch seine Freunde zu schlagen.

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Eifrige Schüler in Vietnam
Und, für einen Engländer wie mich schwer zu begreifen, nirgendwo gibt es einen Platz ohne Menschen und ohne Lärm. Es gibt nur Millionen von Menschen, die Abgase der Motorräder, das Geld, das von Hand zu Hand wandert, die Bettler, die mit nimmermüder Hoffnung leere Pranken austrecken, und die Hierarchie der Fahrzeuge: Geländewagen, Mercedes-Fahrer, die die radfahrende Unterschicht aus dem Weg hupen, nur um an den Ampeln wieder von ihr eingeholt zu werden. Denn mit vier Millionen Motorrädern in der Stadt allein sind wir einfach zu viele, und das archaische Straßensystem kommt mit unseren luxuriösen Metall-Exzessen nicht zurecht. Die Neureichen des Kommunismus sind so vulgär und weltfremd wie immer.

Hier, in der Stadt, die früher Saigon hieß, lebt man aufeinander. Schwer erworbene Güter und Häuser werden von den immer wachsamen Eigentümern beschützt mittels einer Vielzahl von Schlössern, Stacheldraht, Eisendornen, oder Mauern mit Glasscherben oben drauf. Diese Haltung geht zurück auf den 30. April 1975 - den Tag des Falls oder der Befreiung der Stadt, je nachdem wie man es sieht. Und die Sichtweise hängt, zumindest teilweise, von den eigenen Wurzeln ab.

Der rote Faden

Den Kommunismus im täglichen Leben könnte man hier leicht übersehen, wenn man als Tourist in einer Reisegruppe unterwegs ist, wenn die staatseigenen Reiseunternehmen und Hoteliers all die glorreichen Taten des einst geliebten Onkel Ho hervorheben. Ja, man würde rote Fahnen sehen, gelbe Sterne, und die grünen Uniformen der Militärpolizei auf den Straßen. Man könnte sogar einige der alten Tannoy-Lautsprecher an den Straßenecken von Hanoi sehen und das Unglück haben, morgens um 6:30 Uhr von lautstarker Propaganda geweckt zu werden.

Aber es dauert einige Zeit, bis man erkennt, wie sich der Kommunismus durch Erziehung, Medienkontrolle und Angst in den Gewohnheiten und Gedankenmustern festgesetzt hat. Wer würde es wagen, im Cafe mit einem anderen Gast über Politik zu reden, wenn er doch ein Polizist in Zivil sein könnte? Noch immer verschwinden Menschen zur "Umerziehung", nachdem sie die falschen Websites aufgesucht haben, wie z. B. die der pro-demokratischen Vietnamesen in den USA.

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In den Strassen Saigons herrscht reger Verkehr
Da ich vier Jahre lang in Vietnam Lesen und Schreiben unterrichtet habe, bin ich der hochgelobten Jugend sehr nahe gekommen. Von 2004 bis 2008 unterrichtete ich Schüler aller Altersstufen, also vom Kindergarten bis zu Abendkursen für Erwachsene. Aber die meiste Zeit verbrachte ich in privaten Sprachinstituten, wo ich Oberschüler im Alter von 12 bis 18 unterrichtete. Sie sind eine demografische Rarität, mit Gehirnwäsche aufgezogen, geschult und indoktriniert, um stets Onkel Ho zu verehren und niemals den Status Quo in Frage zu stellen.

Die Heranwachsenden, die ich unterrichtete, sind immer noch in erster Linie das Produkt einer geschlossenen Gesellschaft. Durch meine vorsichtigen Versuche, mit ihnen zu diskutieren, erfuhr ich, dass sie kaum je mit den Entscheidungen  und mit der Verantwortung konfrontiert waren, die für ihre Altersgenossen in westlichen Ländern zum Erwachsenwerden dazugehören. Die Eltern versuchen sie vor dem "Bösen in der Gesellschaft"  - Drogen, Prostitution, Sex - zu beschützen, wobei manchen verboten wird, sich mit Jungen bzw. Mädchen zu treffen, bis sie mit der Universität fertig sind. Eine meiner Schülerinnen, eine 18jährige namens Vinh, erzählte mir einmal, dass am Wochenende ihre Mutter ein privates Telefongespräch mitgehört hatte und sie im Zimmer eingesperrt hatte, als sie hörte, dass über Jungs geredet wurde.

Aber trotz der strengen Eltern und der gesellschaftlichen Missbilligung haben vietnamesische Teenager dennoch Sex, und zwar ohne Wissen, wie man sich dabei schützt. Das Land hat eine der höchsten Abtreibungsraten der Welt, 1,4 Millionen jährlich. Wegen des Mangels an Privatsphäre in der vietnamesischen Gesellschaft - Kinder leben bei ihren Eltern bis sie heiraten - begeben sich Paare oft am Abend in sogenannte Ca Phe Om (wörtlich: Cafe-Umarmung), die dunkle Hinterzimmer zum Knutschen bieten.

Diese geschlossene Gesellschaft hat jedoch auch etwas Paradoxes und Bizarres an sich. Schnulzige, romantische Vorstellungen von Liebe werden idealisiert und jeder Teenager kennt den Text der Titelmusik von "Titanic", "My Heart Will Go On". Studentinnen Mitte Zwanzig kichern, wenn sie Worte wie "heiß" oder "sexy" hören. Es ist unglaublich schwierig, über Geschlechter, Rassen, oder Geschlechterpolitik zu diskutieren, und eine Diskussion über Politik im Allgemeinen ist einfach nicht möglich.

Die doktrinäre Erziehung hat ein Volk hervorgebracht, dem der nötige Wortschatz zum kritischen Denken fehlt. Es ist nicht zu fassen, wie wenig Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftliches Interesse die Jugend hier hat. Ich könnte mehrere Beispiele aus meiner Zeit als Englischlehrer für Oberschüler anführen: Die 18jährige Na, die mir sagte, dass sie in meiner Stunde zum allerersten Mal die Hand gehoben und eine Frage gestellt hatte, die Reaktion einer Schülerin auf meine Fragen zu ihrer Vorstellung von Pressefreiheit:

"Wer kontrolliert die Medien in Vietnam?" fragte ich sie.

"Die Regierung", erwiderte sie.

"Ist das gut oder schlecht?"

"Das ist gut."

"Wirklich? Warum?"

"Weil uns die Regierung nie anlügen würde."

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Ben Thanh Markt
Wo soll man da anfangen? Denn wenn die Kinder in einer Privatschule Englisch lernen, sind ihre Eltern meist gutbezahlte Parteimitglieder.

Dieses Bildungssystem, das nur den Mächtigen dient, fordert nun seinen Tribut von ausländischen Investoren, die nun mit Problemen konfrontiert werden, welche stures Auswendiglernen und Einimpfen von Lerninhalten am Arbeitsplatz mit sich bringen. Vietnam hat in den letzten 10 Jahren ein phänomenales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts erlebt und wurde so zur am schnellsten wachsenden Wirtschaft Südostasiens. Jedoch klafft eine immer größere Lücke zwischen qualifizierten Arbeitsplätzen und qualifizierten Arbeitnehmern, die in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und zu führen.

Arbeitskräfte bereiten ausländischen Investoren Kopfschmerzen

Vietnam ist ein Land am Scheideweg. Es wurde am 11. Januar 2007 Vollmitglied der Welthandelsorganisation (WTO) und öffnet sich der Marktwirtschaft. Die Regeln der WTO schränken jedoch das Anwerben ausländischer Arbeitskräfte an manchen Bereichen ein, insbesondere im Dienstleistungssektor. Deshalb bereitet die Unfähigkeit der derzeitigen Absolventen-Generation, durch kritisches Denken Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen, nun den Personalmanagern ausländischer Unternehmen Kopfzerbrechen. Auf dem "Vietnam Business Forum" letzen Dezember in Hanoi beklagte die australische Handelskammer (AusCham), dass nur wenige Absolventen in der Lage waren, ihre Arbeit ohne zusätzliche Weiterbildung aufzunehmen. AusCham nannte mangelhafte Fähigkeiten zum analytischen Denken einen der schlimmsten Fehler des höheren Bildungssystems in Vietnam.

Diesen März, so die europäische, Handelskammer (EuroCham), beklagten ausländische Investoren den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften für ihre Unternehmen. EuroCham-Mitglied Mark Van Den Assem sagte, dass junge Mitarbeiter normalerweise nicht selbstbewusst genug seien, um Managerposten z besetzen, und dass ihre Fähigkeiten von den Untergebenen in Frage gestellt wurden.

Die Fähigkeit zum kritischen Denken ist für effektives Problemlösen und für Entscheidungen unerlässlich, da es dem Einzelnen ermöglicht, in ausgewogener Weise auf schwierige Situationen zu reagieren, indem er die Fakten abwägt und daraus maßvolle und vorteilhafte Handlungen ableitet. Zusätzlich zu intellektuellen Fähigkeiten, gehören zum kritischen Denken auch Mitgefühl, Demut und Eigenständigkeit.

Der Teufel liest Prawda

"Eine Menge Intelligenz kann in Unwissenheit investiert werden, wenn die Notwendigkeit, Illusionen zu schaffen, groß ist." Diese Worte von Saul Bellow sind für das Regieren zeitlos gültig, sei es die Schönrednerei in einer Demokratie oder Propaganda vom "Ministerium für Wahrheit" in einer Orwell'schen Diktatur.

Solche Praktiken erlebte ich täglich als ich im November 2007 anfing, als freiberuflicher Autor und zweiter Herausgeber für eine der staatseigenen Zeitungen in Vietnam zu arbeiten. Die Zeitung "Thanh Nien" ist die nationale englischsprachige Ausgabe eines Vietnamesischen Blattes, das vom sogenannten "Forum für die die vietnamesische Jugend" herausgegeben wird. In der Tat obliegen mir als zweiter Herausgeber und Reporter einige subtile Manipulationen der "Wahrheit".

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Notre Dame, die bekannteste Kathedrale in Vietnam
Thanh Nien ist seiner Machart nach ein relativ freies Medienerzeugnis. "Freier" bedeutet in erster Linie, dass es über Korruption berichten darf: Der Polizeichef nahm Bestechungsgelder an, der Minister bekam dicke Briefumschläge, um ein Bauvorhaben rasch zu genehmigen, Skandale um Landbesitz, usw. Die Liste ist lang und wird immer länger. Solche Geschichten schaffen die Illusion, dass die weitverbreitete und tiefverwurzelte Korruption bekämpft wird.

Der Name der Zeitung bedeutet übersetzt "Jugend", wie auch der ihres wichtigsten Rivalen, "Tuoi Tre". Jugend ist ein wichtiges Konzept in diesem nach wie vor auf heimtückische Weise kommunistischen Land. Jugend bedeutet, dass auch in Zukunft die marxistischen Ideale propagiert werden. In der Tat war Vietnam eins der wenigen Länder, wo der 190. Geburtstag von Marx gefeiert wurde.

Bei der Arbeit editiere ich Geschichten über Kriegshelden, wie "Pham Xuan An: Amerikanische Führer beschuldigten sich gegenseitig für die Sicherheitslücken, die der vietnamesische Maulwurf im Geheimen geschaffen hatte". Solche Geschichten werden direkt aus der vietnamesischen Ausgabe übernommen und bedeuten den ausländischen Lesern nichts. Aber auf Befehlt von oben muss Seite 4 für die 14. Episode dieser genialen Spionage freigehalten werden. Meine Geschichten werden mit einem Schulterzucken vom Herausgeber abgelehnt, und ich weiß schon warum.

Der 30. April, der Feiertag nun vielsagend als "Tag der Wiedervereinigung" bezeichnet wird, naht. Der Staat erinnert die Bevölkerung daran, welche Seite gewonnen hat, während die Armee sich in den Städten deutlich zeigt. Diese gelangweilten jungen Rekruten, viele dienstverpflichtet, suchen sich einfache Zeile aus, wie zum Beispiel alte Frauen, die auf der Straße Obst anbieten und improvisierte Nudelbuden. Dieses illegale Geschäft wird 10 Monate im Jahr geduldet, entweder aufgrund irgendeiner Gegenleistung oder durch die Gerissenheit der Händler. Aber nun muss vor der Bevölkerung ein Exempel statuiert werden. Jetzt ist es an der Zeit, dass der Puppenspieler wieder zeigt, wer die Fäden in der Hand hat. So werden wieder Propagandaplakate aufgehängt, mit dem Datum des Triumphs und dem klassischen Symbol, einer weißen Taube über dem "Wiedervereinigungspalast". Und die Utensilien, die jemand für seinen Lebensunterhalt braucht, werden einkassiert - Tische und Stühle, Töpfe und Pfannen, Bündel von Bananen.

Früher im selben Jahr erhob ein altes regionales Streitobjekt, das Spratley-Archipel, sein Haupt in den Nachrichten. Die Hoheit über dieses Gebiet wird von einem halben Dutzend Nationen beansprucht, unter anderem China, Taiwan, den Philippinen, wobei Vietnam die stärksten Ansprüche hat. Das Interesse wird angestachelt durch reiche Fischgründe sowie Öl- und Gasvorkommen, über die dieses Archipel verfügt. Im März fing China an, lautstark seine Ansprüche auf diese Inseln zu verkünden - ein Land, das 1988 in eine Seeschlacht mit Vietnam vor einem der Riffe verwickelt war.

Zu der Zeit unterrichtete ich Studenten in Wirtschaftsenglisch, und ein junger Mann namens Trinh beschloss, ein Referat über die Spratley-Krise zu halten. Er brachte Landkarten, Wikipedia-Zitate und Zeitungsartikel, um zu belegen, wieso die Inseln von Rechts wegen zu Vietnam gehörten. Die Klasse applaudierte seinem patriotischen Standpunkt, der eine exakte Kopie der nationalistischen Propaganda in den Zeitungen darstellte.

Eine Umgehungsstraße für die Informationsautobahn

Schnelle Internetverbindungen sind heute weit verbreitet und in allen städtischen Gebieten recht billig. Die einzigen blockierten Seiten sind die der "Geocities", wo die Vietnamesen in Übersee ihre pro-demokratischen Auftritte haben. Solche Aktivisten werden nun in der vietnamesischen Presse unweigerlich als "Militante" und als "Terroristen" abgestempelt.

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Saigon bei Nacht
Aber, teilweise dank mangelhafter Englischkenntnisse auf höheren Ebenen, werden die meisten Seiten wie BBC oder Google nicht von der "Firewall nach chinesischer Art" blockiert. Man könnte hoffen, dass dadurch einige Vorstellungen von Pressefreiheit und Demokratie ins Land gelangen.

Allerdings wird hier seit 1975 das Misstrauen aktiv gefördert. Es ist das ultimative Nachbarschafts-Überwachungssystem. Jeder spioniert jeden aus, und jeder meldet Verdächtiges der Polizei. Es ist die Umkehrung des bekannten Zitats von Thomas Jefferson: Der Preis der Unfreiheit ist ständige Wachsamkeit.

Das mag nun sehr nach der Paranoia der McCarthy-Ära klingen, wie ich selber bei meiner Ankunft dachte, bis ich auf dem Weg zum Verlag und nach Hause verfolgt wurde. Jeden Tag erschien derselbe Moped-Taxifahrer (hier Xe-Om genannt) entweder vor meinem Haus oder vor dem Verlag wenn ich dort war. Es war unheimlich und entnervend. Das war doch zu erwarten, meinte ein australischer Kollege.

Ein weniger normales Leben

So fühle ich mich zuweilen eingeschüchtert und auf die Probe gestellt, wenn die Hitze mir Hunderte von Schweißtropfen entlockt und die Moped- und Autohupen, sowie die allerschlimmsten, die Bushupen, mein Trommelfell regelrecht zerreißen, meine Geduld zerstören und meine Nerven zerfetzen. In solchen Momenten verzweifle ich daran, was aus Vietnam schon geworden ist uns was in 10 Jahren daraus werden soll.

Zuweilen fühle ich mich erleuchtet und erhoben - ein Ausflug in den örtlichen Tempel voller lebendigem buddhistischem Gesang, zufällige Begegnungen auf der Straße, wenn die Luftverschmutzung in der Stadt die Sonne in einen wütenden roten Ball verwandelt, wenn sie nach einem ermüdenden Tag untergeht.

Und nach vier Jahren möchte ich sagen, was der Schlüssel für diese Stadt ist: Trotz aller Errungenschaften des Kapitalismus, die das phänomenale Wirtschaftswachstum der letzten Jahre hervorgebracht haben - Geländewagen, Handys, Laptops, Internet-Hotspots - ist Vietnam immer noch unerfreulich totalitär.

Die Wurzeln der Propaganda werden früh und tief gesät. Einige gebildete und weitgereiste Vietnamesen, die ich hier getroffen habe, auch Anwälte, Ärzte und Geschäftsleute, sind alle in einen mächtigen, beängstigenden Nationalismus zurückgefallen sobald irgendein Thema aufkam, das Vietnam in einem negativen Licht zeigte.

Vietnam, Nummer Eins. Ho chi Minh, Nummer Eins.

Das ist der Mythos und das Mantra des Landes. Und daran hält sich die Jugend, zumindest jetzt noch.


Quelle: www.inthefray.org